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Gebt die Religion frei!

Frankfurter Allgemeine Zeitung
Die Aleviten gehen auf die Straße, hier noch in Deutschland, jetzt auch in der Türkei
Türkische Aleviten
Gebt die Religion frei! 
Von Karen Krüger 
23. November 2008

Das hat bisher noch niemand so offen gewagt. Die Aleviten in der Türkei verlangen vom Staat die Abschaffung der Religionsbehörde, der Diyanet. Doch nicht nur das, zum ersten Mal in der Geschichte der Türkei sind die Aleviten auf die Straße gegangen, um für ihre Rechte, für die Anerkennung ihrer Religionsgemeinschaft und ihrer Gotteshäuser zu demonstrieren. Fast hunderttausend Menschen versammelten sich am 9. November in Ankara zu der Großkundgebung. Angesichts der jahrhundertelangen Verfolgung und der seit der Gründung der türkischen Republik bis heute anhaltenden Marginalisierung der Religionsgemeinschaft war das an Mut kaum zu überbieten. 

Unter frommen Sunniten gelten Aleviten als Häretiker, im Jahr 1993 legten deshalb islamische Eiferer in der ostanatolischen Stadt Sivas Feuer in einem Hotel, siebenunddreißig alevitische Intellektuelle und Künstler starben in den Flammen. Der Diyanet sind alle Belange islamischer Religionsausübung im Land unterstellt. Würde die Forderung der Aleviten umgesetzt, sie abzuschaffen, verbesserte sich nicht nur die Situation der religiösen Minderheiten in der Türkei. Der Staat wäre auch in der Lage, endlich sein größtes Versprechen einzulösen, nämlich säkular zu sein. 

Der sunnitische Islam als Maß aller Dinge 

Eine wirkliche Trennung von Staat und Religion hat es in der Türkei noch nie gegeben, genauso wenig existierte jemals Gleichheit vor dem Gesetz für alle Glaubensgemeinschaften. Die sufistischen Bruderschaften sind seit 1925 verboten. Nur Christen und Juden werden als religiöse Minderheiten anerkannt. Schätzungen sprechen von zwanzig Millionen. Die türkische Staatsreligion ist der sunnitische Islam – auch wenn er offiziell nie dazu erklärt worden ist. Er ist in der Türkei das Maß aller religiösen Dinge, denn nur ihn erkennt die Diyanet als muslimisch an. 

Staatsgründer Kemal Atatürk schuf die Religionsbehörde als Instrument nationalstaatlicher Integration. Die Diyanet genießt Verfassungsrang; über sie kontrolliert der Staat alle religiösen Angelegenheiten im Land. Die Diyanet ist Herr der Imame und der siebzigtausend Moscheen des Landes, sie organisiert den Religionsunterricht in den Schulen, bereitet die Freitagspredigten vor und überwacht die Publikation des Korans. In Gestalt der Türkisch Islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib) ist das Amt auch in Deutschland vertreten. 

Unerfüllte Hoffnung auf Anerkennung 

Finanziert wird es aus Steuergeldern, die alle türkischen Bürger unabhängig von ihrem Glauben entrichten müssen. Laut einer Umfrage glauben achtzig Prozent der Türken, dass die Behörde unter politischem Einfluss steht. Im August 2001, mitten in der damaligen schweren Finanzkrise in der Türkei, forderten die Imame in einer Freitagspredigt die Gläubigen auf, ihre Bankeinlagen und ihr Bargeld in einheimische Türkische Lira und nicht in Devisen zu halten – Politiker und Wirtschaftverbände hatte zuvor Ähnliches verlangt. 

Genaue Zahlen, wie viele Angehörige der alevitischen Glaubengemeinschaft in der Türkei leben, existieren nicht. Dass ihre Kinder von der Diyanet zu einem Religionsunterricht verpflichtet werden, der nichts mit ihrem Glauben zu tun hat und ihnen bisweilen Ketzertum unterstellt, dass die Regierung die alevitischen Gotteshäuser, die „Cemevi“, nicht anerkennt und sie anders als Moscheen keine staatliche Unterstützung erhalten, wollen die Aleviten nicht länger hinnehmen. Sie hatten gehofft, dass sich ihre gesellschaftliche Stellung unter Ministerpräsident Erdogan verbessern würde – nachdem der im Jahr 2002 zusammen mit Abdullah Gül, damals noch Außenminister, ein „Cemevi“ in Istanbul besucht hatte, unterstützten viele Aleviten mit ihrer Stimme Erdogans Partei, die AKP. Angekündigte Reformen aber bleiben bisher aus. 

Schritte zur Säkularisierung 

„Wir nehmen die Gedanken von den Rändern nicht zur Kenntnis“, sagte der für Religionsangelegenheiten zuständige Staatsminister Said Yazicioglu jetzt über die Demonstrationen in der Hauptstadt. Doch offenbar haben die Forderungen der Aleviten die türkische Politik stärker erschüttert, als Ankara es glauben machen will. Denn nun scheint sich ausgerechnet Devlet Bahceli, das Oberhaupt der nationalistischen Partei MHP, für die Aleviten einzusetzen – bisher war die MHP, die vehement für eine türkische Nation aus sunnitischen Muslimen eintritt, die absolute Antipode aller Minderheiten in der Türkei, insbesondere der alevitischen. „Gegenseitige Ängste und Vorurteile müssen überwunden werden“, sagte Bahceli bei einem Treffen seiner Partei. 

Doch man sollte die Aleviten davor schützen, sich von Interessengruppen, die eine Polarisierung der türkischen Gesellschaft vorantreiben wollen, politisch missbrauchen zu lassen. Offensichtlich kursiert in der Türkei die Angst, dass weitere religiöse Minderheiten für ihre Rechte auf die Straße gehen könnten. Denn dann geriete die Diyanet vielleicht tatsächlich ins Wanken und mit ihr der Vormachtsanspruch des sunnitischen Islam. Und das wäre ein großer Schritt auf dem Weg zu einer säkularen Türkei. 
 

Text: F.A.Z. 

 

Quelle: www.faz.net

 

 

 

Aleviten haben bei Religion die Nase vorn

Frankfurter Rundschau

Schulunterricht

VON ANNIKA JOERES

Auf den ersten Blick fehlen nur die Tische. In ihrem Religionsunterricht sollen sich die alevitischen Grundschüler als Teil der Gemeinschaft erleben, sie sitzen im Stuhlkreis. "Gibt es Streit in der Klasse?", fragt der Lehrer. Oder hat jemand seinen Vater oder seine Mutter geärgert? Die Fragen stammen aus einem alten Ritual der alevitischen Dörfer, aber nun werden sie zum ersten Mal in Schulklassen gestellt: In diesem Schuljahr hat in Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen der alevitische Religionsunterricht begonnen.


Es ist eine kleine Revolution an deutschen Grundschulen. Denn die alevitische Gemeinde ist in Sachen Religionsunterricht Vorreiter aller islamischen Glaubensrichtungen. Bislang ist es ihr als einziger gelungen, Lehrpläne mit den zuständigen Ländern und einen voll anerkannten Religionsunterricht zu vereinbaren. Einen "historischen Moment" nennt der Vorsitzende der Alevitischen Gemeinde Deutschland (AABF), Turgut Öker, die Einführung des neuen Schulfachs. Zu Recht, denn einen alevitischen Religionsunterricht gibt es bislang weder in der Türkei noch in einem anderen Land.


"Wir sind die schnellsten, weil wir mit einer Stimme sprechen", sagt Gülumser Keles von der AABF. So sei es viel einfacher gewesen, sich mit den Bildungsministerien an einen Tisch zu setzen. Weiterer Vorteil der etwa 400 000 bis 700 000 Aleviten in Deutschland: Aus Sicht von Bildungspolitikern vertreten sie einen sehr gemäßigten Islam. Sie betonen die Gleichstellung von Mann und Frau, und auch der Moscheebesuch ist nicht vorgeschrieben.

Die Auswahl der Lehrer fiel ebenfalls leicht. Alevitische Pädagogen, die bislang andere Fächer wie Mathematik oder Sport unterrichtet haben, wurden in den vergangenen Monaten fortgebildet. So konnte auf einen eigenen Studiengang mit langer Vorlaufzeit verzichtet werden.

Viel schwieriger haben es da die anderen islamischen Gemeinden wie zum Beispiel die Sunniten. Sie setzen sich aus vielen Grüppchen zusammen, die sich bislang auf keine Kursinhalte einigen konnten. "Wir sind noch im Gespräch mit den verschiedenen Gemeinschaften", sagt etwa Jörg Harm, Sprecher des nordrhein-westfälischen Bildungsministeriums. Man wolle "so schnell wie möglich" weiteren islamischen Unterricht anbieten. Die Gespräche laufen allerdings schon seit Jahren.

Der islamkundliche Unterricht, der in NRW bereits seit 1986 erteilt wird, hat noch immer den Status eines Modellprojekts. Nach Angaben des nordrhein-westfälischen Schulministeriums unterrichten rund 65 muttersprachliche Lehrer und 20 Islamwissenschaftler an 140 Schulen. Die Schulversuche in anderen Bundesländern sind noch wesentlich kleiner.

Aber nicht nur die unübersichtliche Gemeinde-Landschaft hat bislang weitere Islamkundekurse verhindert. Auch der deutsche Staat verlangt von seinen Gesprächspartnern im Prinzip eine Gemeindestruktur, die sich an den der evangelischen und katholischen Kirchen orientiert: Sie müssen eine klare Mitgliederstruktur haben, auf Dauer angelegt sein und ein gemeinsames Bekenntnis teilen, dessen Pflege sie sich umfassend widmen.

Genau über diesen engen Begriff der Religionsgemeinschaft gibt es Streit zwischen dem Zentralrat der Muslime und den jeweiligen Landesregierungen. Die Auseinandersetzung liegt sogar beim Oberlandesgericht Münster. "Wir haben als Friedensangebot die juristische Klage ruhen lassen und wollen die Frage nun einvernehmlich klären", so Ayyub Axel Köhler, Vorsitzender des Zentralrates der Muslime zur FR. Ziel sei es, möglichst vielen Gemeinschaften einen Unterricht anzubieten, mit dem sie sich identifizieren können. Noch in diesem Jahr erwartet Köhler eine Einigung, wie es die Aleviten nun vorgemacht haben. "Wir verhandeln in guter Atmosphäre", sagt Köhler.

Ein Problem haben die Aleviten allerdings: Viele Gemeindemitglieder kennen das neue Angebot noch nicht. "Wir sind bislang nur locker organisiert", sagt Keles. Wenn aber genügend interessierte Schülerinnen und Schüler zusammen kämen, könnte der alevitische Religionsunterricht bald auch an den Mittelschulen angeboten werden.

 

Frankfurter Rundschau, 25.09.2008

http://www.fr-online.de/in_und_ausland/wissen_und_bildung/aktuell/?em_cnt=1601174&